INTERVIEW MIT THOMAS MEYER-WIESER

 


Woher kommt Ihre Faszination zur orientalischen Architektur?


Seit meinem Studium beschäftige ich mich mit der islamisch-orientalischen Architektur und Städtebau. Anfangs der 1970er Jahre war ich zum ersten Mal im Iran – auf der Durchreise nach Indien. Wie viele Westeuropäer, Nordamerikaner, Australier und Japaner machten wir uns auf den Hippietrail – und blieben hängen. Ein Jahr später setzten wir unsere Reise fort: wieder durch den Lötschberg nach Venedig, den Isthmus bis Athen. Zwei Tage Aufenthalt. Dann auf »hoher See« nach Alexandria und in der 3. Klasse durchs Nildelta nach Kairo. Danach entschied ich mich, mein Architektur-Praktikum nicht in Amerika sondern im Iran zu absolvieren und entdeckte das Land mit den neugierigen Augen eines 20-Jährigen.
Aufgrund dieser Erfahrung und spärlicher Sprachkenntnisse erhielt ich meine erste Anstellung nach dem Studium an einem UNESCO Projekt der ETH-Z in einem interdisziplinären Arbeitsteam für die Konsolidierung und Restaurierung des sassanidischen Palastes Ghala Dokhtar in Firuzabad, Iran. 1995 begann ich Reisen in den Orient zu organisieren, zuerst für den Bund Schweizer Architekten, dann für das Museum Rietberg und Architekten und Landschaftsarchitekten für die ich jeweils einen Reader vorbereitete, der immer grösser und komplexer und schliesslich zu einem Architektur Führer wurde, den ich, kaum war er erschienen, 2017 ins Englische übertragen konnte. Und so entstand der Architekturführer ≫From the Safavids to the Iranian Revolution≪, der zur Zeit ins Farsi übersetzt wird.


Was ist an der orientalisch-islamischen Architektur so faszinierend?


Architektur ist ein Buch das man mit den Füssen liest. Das Spazierengehen ist die »natürlichste« Art, sich eine Landschaft oder eine Stadt anzueignen. Ein Spaziergang ist nicht der Weg zu einem attraktiven Ziel, sondern funktioniert nach dem Prinzip einer Perlenkette: Orte von erhöhter Bedeutung wechseln ab mit Strecken von geringer Attraktivität. Für den flanierenden Bürger ist die Stadt ein eigentliches Lernsystem. Ganz im Sinn von Walter Benjamin versuche ich auf diesen Spaziergängen der Geschichte ein Gesicht zu geben, Ereignisse zu verorten, Städte zu lesen und die Vergangenheit eines Landes an den Hauptschauplätzen zu rekonstruieren. In zwei- bis zweieinhalbstündigen Stadtspaziergängen erfahren Sie zum Beispiel den Aufschwung der Safawiden in Täbriz oder Qazwin, ihre Hochblüte in Isfahan unter Shah Abbas dem Großen, oder »erwandern« das goldene Zeitalter Kairos mit den schönsten Bauten dieser Zeit. So eingesetzt ist der Spaziergang Medium einer integrativen Wahrnehmungsleistung. Obwohl ihm die Bilder sukzessive und fragmentarisch dargeboten wurden, hat der Spaziergänger am Schluss eine Vorstellung von dem durchwanderten Gebiet. Es ist die gesamte Strecke der Wahrnehmung, welche in unserem Kopf den landschaftlichen oder städtebaulichen Eindruck hervorruft.

 


Welche Inhalte machen die Reise «Israel als Laboratorium der Moderne» besonders lohnenswert?


Die Entstehung und Entwicklung des Staates Israel stellt eines der effizientesten und umfassendsten architektonischen Projekte der Moderne dar – kein Experiment, das die Anlage einer künstlichen Landschaft ebenso umfasst wie den Bau neuer Städte und Siedlungen. Israel zeigt die Entstehungsbedingungen der Nachkriegsarchitektur auf: die Beziehung zwischen Ideologie und architektonischer Form, die räumlichen Organisation des Wohlfahrtsstaats, das Verhältnis von militärischer und ziviler Gesellschaft und schliesslich die typologischen Paradigmata der Architektur. Israels architektonisches Erscheinungsbild von heute unterscheidet sich denn auch grundlegend von jenem der Zeit zwischen dem Unabhängigkeitskrieg von 1948 und dem Sechstagekrieg von 1967. In jenen Jahren entstanden zahlreiche Meisterwerke, die nun bei jüngeren Architekten viel Interesse wecken. Aber auch in der von experimentellen Wohn- und Kulturbauten geprägten Wüstenstadt Beerscheba wird einem bewusst, wie eng in Israel einst Architektur, Städtebau und Politik ineinander verwoben waren. Heute erscheint die vor 1976 vollendete Anlage als gebaute Kritik an der einst sinnstiftenden israelischen Architektur und am Ausverkauf einer Disziplin, die am Anfang des zionistischen Traumes stand.

 


Was ist Ihre zweite Leidenschaft neben der Architektur?


Landschaftsarchitektur! Ich habe fast 10 Jahre an der Hochschule für Technik Rapperswil Geschichte und Theorie der Architektur an der Abteilung Landschaftsarchitektur unterrichtet. ... und habe von ihnen gelernt. Dass unsere Alltagswelt aus konkreten »»Phänomenen« besteht. Aus Menschen, Tieren, Städten, Straßen und Häuser. Auch aus Sonne, Mond und Sternen, Wolken, Tag und Nacht und den Jahreszeiten. In der Tat ist es sinnlos, sich eine Handlung vorzustellen, ohne Bezug zu einem konkreten Ort. »Ort« ist ein integraler Bestandteil unserer Existenz. Offensichtlich meinen wir damit eine Ganzheit aus konkreten Dingen, Formen, Texturen und Farben, die eine »Atmosphäre« schaffen. Unsere Erfahrung lehrt uns, dass Handlungen an Orten »stattfinden«. Und wenn wir uns vorstellen, sagen wir: »Ich bin New Yorker« oder »Römer«. Das heisst mehr als »Ich bin Architekt« oder »Optimist«.

 


Herzlichen Dank für dieses spannende Gespräch, Herr Meyer-Wieser.

 


https://www.architectour.ch/israel-2019

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